Zwei Indikatoren — zwei Geschwindigkeiten

Der Shiller CAPE und der Fear & Greed Index messen beide wie der Markt bewertet ist — aber in völlig unterschiedlichen Zeitrahmen.

Der CAPE glättet die Unternehmensgewinne des S&P 500 über zehn Jahre und reagiert auf Bewertungsveränderungen in Quartalen und Jahren. Er ist träge by Design: Kurzfristige Panik beeinflusst ihn kaum. Das macht ihn wertvoll für langfristige Einordnung — und ungeeignet für Timing.

Der Fear & Greed Index ist sein Gegenteil. Er reagiert auf tägliche Marktbewegungen: Handelsdaten, Kursmomentum, Put/Call-Verhältnis, Volatilität. Innerhalb von Wochen kann er zwischen Extreme Fear und Extreme Greed schwingen. Er zeigt nicht was der Markt wert ist — er zeigt wie sich Anleger gerade fühlen.

Das Zusammenspiel beider Indikatoren verrät mehr als jeder Einzelne allein. Weil es zeigt wo im Zyklus der Markt gerade steht.

Der vollständige Zyklus

Schematischer Zyklusverlauf von CAPE und Fear & Greed Index über fünf Marktphasen
Shiller CAPE (10-Jahres-Glättung, langsam) Fear & Greed Index (tägliches Sentiment, schnell)

Schematische Darstellung — vereinfachter Zyklusverlauf, nicht maßstabsgerecht. HEUTE-Marker: Live-Daten.

Der entscheidende Mechanismus ist die Phasenverschiebung: Fear & Greed dreht immer früher als der CAPE — in beide Richtungen. Das liegt in der Konstruktion begründet. Fear & Greed ist ein Tageswert der unmittelbar auf Kursbewegungen reagiert. Der CAPE ist ein Zehnjahresdurchschnitt: Wenn der Markt fällt, braucht es Monate bis Jahre, bis das in der Gewinnglätte sichtbar wird.

Die fünf Phasen im Detail

Phase I — Crash / Tief. CAPE beginnt zu fallen, Fear & Greed ist auf Extremtiefs. Panik dominiert. Die Masse verkauft — obwohl sich Bewertungen bereits normalisieren. Wer jetzt einsteigt, kauft Sentiment auf dem Boden, Bewertung auf dem Weg nach unten. Das historisch beste Einstiegsfenster — aber psychologisch das schwierigste.

Phase II — Erholung. Fear & Greed dreht als erstes. Extreme Fear wird Fear, wird Neutral, wird Greed. Der CAPE bleibt noch niedrig, weil steigende Kurse Zeit brauchen bis sie sich im Zehnjahresdurchschnitt abbilden. Die klassische Situation für geduldige Investoren: Sentiment schlecht oder neutral, Bewertung noch fair.

Phase III — Bullenmarkt. Beide Indikatoren steigen. Fear & Greed schiebt in den Greed-Bereich, CAPE folgt. Die breite Masse steigt jetzt ein — nachdem das Schlimmste bereits vorbei ist. Am Ende dieser Phase beginnt sich eine gefährliche Konstellation aufzubauen: CAPE hoch und steigend, Sentiment euphorisch.

Phase IV — Distribution. Fear & Greed dreht als erstes nach unten. Extreme Greed wird Greed, wird Neutral — während der CAPE noch auf dem Plateau steht oder sogar weiter steigt. Institutionelle Investoren beginnen still zu verkaufen. Retail kauft die Dips. Der Markt wirkt noch stabil, aber das Sentiment-Signal bröckelt bereits.

Phase V — Abverkauf. Fear & Greed fällt in den Fear-Bereich. Der CAPE hält sich hartnäckig auf hohem Niveau — die 10-Jahres-Gewinne reagieren verzögert auf fallende Kurse. Das ist die gefährlichste Fehlinterpretation: Der CAPE sieht noch “erträglich” aus, obwohl das Sentiment bereits bricht und Kurse fallen.

Die vier Konstellationen

F&G: Fear / Extreme FearF&G: Greed / Extreme Greed
CAPE niedrigMaximales Kaufsignal. Sentiment und Bewertung zeigen beide: Markt ist günstig. Historisch die besten Einstiegspunkte.Frühes Recovery (Phase II). Sentiment erholt sich, Bewertung noch fair. Gut vor der großen Masse.
CAPE hoch⚠ Kritische Zone. Sentiment kippt, Bewertung noch hoch. CAPE fällt verzögert — Korrektur wahrscheinlich.Überhitzung (Phase IV). Alles teuer, alle optimistisch. Maximales Rückschlagrisiko.

Die heutige Konstellation: CAPE hoch + Sentiment kippt

Im Juni 2026 steht der Markt bei einem CAPE um 42 — historisch das zweithöchste Niveau nach der Dot-com-Blase. Gleichzeitig zeigt der Fear & Greed Index Fear-Werte.

Das ist die obere linke Ecke der Tabelle. Phase IV bis V: Distribution geht in Abverkauf über. Historisch folgen auf diese Konstellation in einem Zeitraum von 6 bis 24 Monaten überdurchschnittlich häufig Marktkorrekturen oder längere Konsolidierungsphasen. Das ist kein Crash-Signal — es ist eine Wahrscheinlichkeitsaussage über das Rendite-Risiko-Verhältnis der nächsten 12 bis 36 Monate.

Drei Szenarien sind historisch aus dieser Lage eingetreten:

Szenario A — Soft Landing. Unternehmensgewinne wachsen stark genug um den CAPE ohne Kursrückgang zu normalisieren. CAPE fällt durch Gewinnwachstum, nicht durch fallende Kurse. Möglich in einem Umfeld strukturell hoher Margen und Produktivitätswachstum.

Szenario B — Technische Korrektur. Der Markt fällt 10–20 %. CAPE normalisiert sich moderat, Sentiment erholt sich anschließend. Der häufigste historische Ausweg aus dieser Konstellation. Schmerzhaft, aber kein strukturelles Ereignis.

Szenario C — Strukturelle Bärenmarktphase. Länger anhaltender Rückgang über 12–36 Monate. Selten — aber historisch regelmäßig aus ähnlichen Ausgangslagen entstanden: hoher CAPE, kippendes Sentiment, überdehnte Bewertungen.

Was das für Verdiq bedeutet

Verdiq reagiert systemisch auf diese Konstellation: Bei CAPE über 35 gilt das Extrem-teuer-Regime mit einer Mindest-CRV von 2,5. Das bedeutet, ein Unternehmen muss ein Chance-Risiko-Verhältnis von 2,5 zu 1 aufweisen bevor Verdiq kauft. In der Praxis führt das bei aktuellem CAPE dazu, dass häufig kein Kauf-Ergebnis entsteht — nicht weil das System “zu pessimistisch” ist, sondern weil historische Renditeerwartungen bei diesem Bewertungsniveau statistisch niedrig sind.

Der Fear & Greed Index ist kein direkter Verdiq-Input für Kauf- oder Verkaufsentscheidungen. Er zeigt dem Leser dieses Blogs wo der Gesamtmarkt emotional steht — als Kontext für den CAPE-Wert, nicht als Ersatz.

Zusammen erzählen beide Indikatoren eine Zyklusgeschichte. Und die aktuelle Geschichte lautet: teuer bewertet, kippendes Sentiment. Das allein ist kein Signal zu verkaufen. Es ist ein Signal, die Erwartungen entsprechend zu kalibrieren.


Quellen: Shiller, R.J. (2000): Irrational Exuberance, Princeton University Press — CAPE-Zeitreihe und historische Bewertungsphasen. — Campbell, J.Y. & Shiller, R.J. (1988): Stock Prices, Earnings, and Expected Dividends, Journal of Finance 43(3) — Vorhersagekraft des CAPE auf 10-Jahres-Horizont. — Baker, M. & Wurgler, J. (2006): Investor Sentiment and the Cross-Section of Stock Returns, Journal of Finance 61(4) — Sentiment als Kontext-Signal, nicht als Richtungssignal. — CNN Business (2012ff.): Fear & Greed Index, Methodologie und historische Zeitreihe. — Grantham, J. (2011–2023): GMO Quarterly Letters — empirische Analyse von Marktphasen und Rückkehr zum Mittelwert bei hohem CAPE.