Konzentration als verstecktes Risiko

Ein Portfolio aus zehn Titeln klingt nach Diversifikation. Es kann trotzdem ein Klumpenrisiko tragen.

Wenn fünf dieser zehn Titel aus dem Technologiesektor stammen und der Sektor einen regulatorischen Schock, einen Zinsumschwung oder eine Bewertungskorrektur erlebt, trifft das nicht eine Position — es trifft die Hälfte des Depots gleichzeitig. Die Einzeltitel-Analyse war möglicherweise korrekt. Das Problem war die Struktur.

Verdiq löst das nicht durch manuelle Steuerung, sondern durch eine algorithmische Grenze: Kein Sektor darf mehr als 40 Prozent des gesamten Portfoliowerts belegen.

Die Regel

Vor jeder Debate berechnet das System die aktuelle Sektorverteilung — basierend auf dem aktuellen Marktwert jeder Position, nicht dem Kaufkurs. Erreicht ein Sektor 40 Prozent oder mehr, wird kein weiterer Kandidat aus diesem Sektor debattiert.

Die Sperre ist hart. Kein Debate-Ergebnis kann sie überschreiben. Ein Titel der ein CRV von 3.0 hätte und fundamental überzeugend wäre, kommt trotzdem nicht ins Depot wenn sein Sektor bereits gesättigt ist.

Das ist keine Begrenzung der Rendite — es ist die Bedingung unter der Rendite strukturell planbar bleibt.

Was 40 Prozent bedeutet

Bei einem Depot mit fünf Positionen zu je 20 Prozent Gewichtung: Zwei Positionen im gleichen Sektor ergeben 40 Prozent. Ein dritter Titel aus demselben Sektor wird geblockt.

Bei einem Depot mit zehn Positionen zu je 10 Prozent: Die Grenze liegt bei vier Titeln pro Sektor. Fünf wäre gesperrt.

In der Praxis variieren Positionsgewichte durch Kursveränderungen. Das System rechnet mit aktuellen Marktwerten — eine Position die stark gestiegen ist, belegt mehr Sektorgewicht als ihr Kaufpreis vermuten lässt.

Die Ausnahme: der Sektor-neutrale Tausch

Die Sperre gilt für neue Positionen — nicht für Ersatz innerhalb desselben Sektors.

Wenn eine bestehende Tech-Position swap-fähig ist (mindestens sechs Monate gehalten, Renditeerwartung unter Regime-Schwelle) und ein neuer Tech-Kandidat ein Tournament gewinnt, findet ein Tausch statt. Der neue Titel ersetzt den alten — das Sektorgewicht bleibt gleich. Das System erlaubt diesen Tausch explizit, weil die Gesamtexposure nicht steigt.

Was das Tournament ist und wann eine Position swap-fähig wird — das beschreibt der Artikel zum Tournament.

Warum die Grenze nicht vom Marktregime abhängt

Im günstigen Markt qualifizieren sich mehr Kandidaten bei niedrigerem CRV-Schwellenwert. Die Frage liegt nahe: Sollte die Sektorgrenze dann lockerer sein — um mehr von den günstigen Titeln ins Depot zu lassen?

Nein.

Sektorkonzentration ist kein Rendite-Tool, das man im günstigen Markt auflösen darf. Im günstigen Markt mit sieben bis zehn möglichen Positionen und niedrigen Einstiegsschwellen entsteht sogar das höhere Risiko, unbewusst in einen Sektor zu rotieren der gerade günstig bewertet ist — weil viele Kandidaten aus demselben Sektor kommen.

Die Grenze bei 40 Prozent gilt in jedem Regime. Wenn ein Sektor gesättigt ist und keine weiteren Kandidaten aus anderen Sektoren die Schwelle erfüllen, ist die richtige Antwort: Cash halten. Nicht die Diversifikationsregel aufweichen.

Was passiert wenn ein Kandidat geblockt wird

Das System protokolliert jeden blockierten Kandidaten mit Ticker, Sektor und aktuellem Sektorgewicht. Die Information ist nachvollziehbar — nicht ein stiller Ausschluss.

Ein geblockte Kandidat wird nicht debattiert. Er wird im nächsten Analyse-Lauf erneut gescreent. Wenn sich das Sektorgewicht bis dahin verändert hat — weil eine bestehende Position geschlossen wurde oder gefallen ist — kann der Kandidat in den nächsten Debate-Zyklus eintreten.

Die Blockade ist kein permanentes Urteil über den Titel. Sie ist eine strukturelle Entscheidung über das Portfolio.

Die akademische Basis — und ihre Grenzen

Das Prinzip der Sektorbegrenzung hat starke wissenschaftliche Unterstützung. Die genaue Zahl 40 Prozent hat sie nicht.

Warum Sektordiversifikation funktioniert: Harry Markowitz zeigte bereits 1952, dass das Risiko eines Portfolios nicht durch die Summe der Einzelrisiken bestimmt wird, sondern durch die Korrelation zwischen den Positionen. Titel im gleichen Sektor korrelieren strukturell — sie reagieren auf dieselben Zinsänderungen, dieselbe Regulierung, dieselben Nachfragezyklen. Sektordiversifikation reduziert genau diesen korrelierten Risikoanteil, den keine Einzeltitelanalyse wegdiversifizieren kann.

Warum Sektorkonzentration in Krisen besonders schadet: François Longin und Bruno Solnik wiesen 2001 nach, dass Korrelationen zwischen Märkten und Sektoren in Stressphasen dramatisch ansteigen — genau dann wenn Diversifikation am dringendsten wäre. Wer Tech-konzentriert durch einen Zinsschock geht, verliert nicht linear: Die Titel fallen gemeinsam, schneller und tiefer als die Einzeltitelanalyse erwarten ließ.

Warum die 40 Prozent nicht aus einem Paper stammen: Statman (1987) zeigte, dass der marginale Diversifikationsgewinn beim Hinzufügen von Titeln rasch abnimmt — aber er quantifiziert keine Sektorgrenzen. Institutionelle Regeln (UCITS, Pensionsfonds-Guidelines, GIPS-konforme Mandate) verwenden typischerweise Obergrenzen von 25–40 Prozent pro Sektor als Praxisregel. 40 Prozent ist ein bewusst gewählter Kompromiss: eng genug um strukturelles Klumpenrisiko zu verhindern, weit genug um bei einem Depot von drei bis zehn Titeln sinnvoll anwendbar zu bleiben.

Die Forschung liefert den Grund für die Regel. Die Portfoliogröße liefert die Zahl.


Quellen: Markowitz, H. (1952): Portfolio Selection. Journal of Finance 7(1). — Longin, F. & Solnik, B. (2001): Extreme Correlation of International Equity Markets. Journal of Finance 56(2). — Statman, M. (1987): How Many Stocks Make a Diversified Portfolio? Journal of Financial and Quantitative Analysis 22(3).