Drei identische Fragen. Drei verschiedene Antworten. Warum?

Weil das Regelwerk nicht auf den Kurs schaut — es schaut auf die Thesis.


Szenario 1: Die Position wird gehalten

Ausgangslage. Ein Pharmaunternehmen wurde Anfang März mit KAUFEN-Verdict ins Depot aufgenommen. Kaufkurs: 87 USD. Thesis: Wachsendes Oncology-Portfolio, Phase-III-Studie kurz vor Abschluss, Insider-Käufe im Vormonat.

10 Wochen später. Der Kurs notiert bei 78 USD — minus 10,3%. Der Markt war volatil, ein konkurrierendes Medikament eines anderen Herstellers hat breit Aufmerksamkeit bekommen.

Das System prüft: Ist die ursprüngliche Thesis noch intakt?

FaktorStatus
Guidance unverändertJa
Management stabilJa
Phase-III-Studie läuft planmäßigJa
Strukturelle KonkurrenzbedrohungNein

Kein Thesis-Bruch. Hold-Until: September. Das Konkurrenzprodukt adressiert ein anderes Indikationsfeld — kein Überschneidungsrisiko.

Entscheidung: Halten.

Der Kursverlust ist kein Signal. Das System wurde gebaut um Schwankungen auszuhalten — nicht um auf sie zu reagieren. Wer bei minus 10% verkauft, weil der Kurs gefallen ist, hat keine Strategie. Er hat Angst.


Szenario 2: Die Position wird geschlossen

Ausgangslage. Ein europäischer Industrietitel wurde im Oktober 2025 aufgenommen (Kaufkurs: 54 EUR). Zum Zeitpunkt des Kaufs: EV/EBITDA 7.2x, EBITDA-Marge 18%, Umsatzwachstum 11% YoY, Momentum positiv, Insider-Beteiligung über 12%. Das Modell sah eine Renditeerwartung von 19% auf 12 Monate — über der Regime-Mindestanforderung von 15% (CAPE im ERHÖHT-Regime).

8 Monate später. Das Unternehmen senkt die EBITDA-Marge-Guidance von 18% auf 13% für die nächsten zwei Geschäftsjahre. Das verschlechtert EV/EBITDA und Wachstumsprojektionen spürbar.

Das Re-Assessment mit aktuellen Zahlen:

KennzahlBeim KaufHeute
EBITDA-Marge (Guidance)18%13%
Renditeerwartung 12M19%8%
Regime-Mindestanforderung15%15%
Anforderung erfülltJaNein

Haltefrist abgelaufen. Renditeerwartung deutlich unter Regime-Schwelle.

Entscheidung: Exit.

Das System urteilt nicht über den CEO-Wechsel der gleichzeitig stattfand — das ist ein qualitativer Faktor. Es urteilt über die Zahlen: Die aktuelle Renditeerwartung von 8% erfüllt die Regime-Anforderung von 15% nicht mehr. Halten würde bedeuten, Kapital in einem Titel zu binden der nach aktuellem Modell-Scoring schlechter abschneidet als der Benchmark.

Der Kurs steht bei 61 EUR — plus 13%. Trotzdem: Verkauf.

Das ist der härteste Teil des Regelwerks. Im Plus verkaufen fühlt sich falsch an. Aber das System fragt nicht “bin ich im Plus?” — es fragt “rechtfertigt die Zukunft des Titels noch seinen Platz im Depot?”


Szenario 3: Ein Titel wird abgelöst (Swap)

Ausgangslage. Das Depot ist voll: 5 von 5 möglichen Positionen im EXTREM_TEUER-Regime (CAPE 40, CRV-Schwelle 2.5). Ein Softwaretitel liegt seit 9 Monaten im Portfolio, Kaufkurs 220 USD, aktueller Kurs 251 USD — plus 14%.

Neue Lage. Ein neuer Kandidat erreicht KAUFEN mit CRV 2.8 und 21% Renditeerwartung für die nächsten 12 Monate. Das System führt nun einen Vergleich durch.

Re-Assessment des Alttitels: Thesis intakt, aber das verbleibende Aufwärtspotenzial liegt laut aktuellem Modell-Scoring nur noch bei ca. 8%. Die meiste Neubewertung hat bereits stattgefunden.

Swap-Kalkül (Position: 10.000 EUR Marktwert):

RechenschrittBetrag
Unrealisierter Gewinn (+14%)1.400 EUR
Abgeltungssteuer (26,375%)369 EUR
Verbleibendes Kapital nach Verkauf~10.031 EUR
Erwartete Rendite Neukauf (21% auf 10.031)~2.107 EUR
Erwartete Rendite Altposition (8% auf 11.400)~912 EUR

Die Differenz: 1.195 EUR zugunsten des neuen Kandidaten — nach Steuer. Die Steuerkosten sind durch den Renditevorteil in weniger als drei Monaten kompensiert.

Entscheidung: Swap.

Verdiq verkauft den Alttitel und eröffnet die neue Position.

Wichtig: Wenn die Differenz gering wäre — etwa weil der Alttitel noch 15% Potenzial hätte — bliebe er. Das System swappt nicht aus Aktivität. Es swappt wenn die Zahlen eindeutig für den Wechsel sprechen.


Was alle drei Szenarien gemeinsam haben

Keines der drei Urteile basiert auf Gefühl, auf dem Kurs der letzten Woche oder auf dem, was der Markt gerade tut.

Szenario 1: Kurs minus 10%, Halten — weil die Thesis steht.
Szenario 2: Kurs plus 13%, Verkaufen — weil die Thesis gebrochen ist.
Szenario 3: Kurs plus 14%, Ablösen — weil ein besserer Kandidat wartet und der Kalkül stimmt.

Das ist der Sinn eines regelbasierten Systems. Nicht um jede Entscheidung zu perfektionieren — sondern um die Qualität der Entscheidungen unabhängig vom emotionalen Umfeld konstant zu halten.