Das Problem mit Sentiment als Richtungssignal

Millionen Euro fließen jedes Jahr in Tools die Stimmung in sozialen Medien messen und daraus Kauf- oder Verkaufsignale ableiten. Die Idee: Wenn alle bullisch sind, wird die Aktie steigen.

Das Problem ist bekannt, wird aber selten direkt ausgesprochen: Wenn Sentiment ein zuverlässiges Richtungssignal wäre, würde es arbitriert — sobald genug Investoren nach demselben Signal handeln, verschwindet der Vorteil. Die Forschungslage ist entsprechend ernüchternd: Sentiment-basierte Strategien zeigen in unabhängigen Tests kaum stabile Überrenditen.

Die Umkehrlogik

Warren Buffett hat es einfacher formuliert als jede Studie: “Sei ängstlich wenn andere gierig sind — und gierig wenn andere ängstlich sind.”

Das ist keine Faustregel. Es ist eine Beobachtung über Marktmechanismen: Wenn breites, bearisches Sentiment auf ein Unternehmen mit soliden Kennzahlen trifft, ist das Abwärtsrisiko oft bereits eingepreist. Der Markt hat die schlechten Nachrichten verarbeitet — aber die Substanz des Unternehmens nicht neu bewertet. Das ist ein Displacement-Setup.

Dasselbe gilt umgekehrt: Wenn die Massenmedien ein Thema entdecken — wenn die breite Öffentlichkeit über eine Aktie redet — ist das Aufwärtspotenzial meistens bereits im Kurs. Der Optimismus ist eingepreist, das Risiko nicht.

Wie Verdiq Sentiment einsetzt

Verdiq nutzt Sentiment nicht als Kauf- oder Verkaufsignal. Es nutzt es als Kontext-Einschätzung auf der Hype-Kurve.

Drei Quellen liefern den Input: Grok analysiert X/Twitter-Sentiment der letzten sieben Tage, NewsAPI misst Artikel-Volumen und Tenor englischsprachiger Medien, Google Trends zeigt globales Suchinteresse (wichtig für nicht-englische Unternehmen wie ASML oder SAP, die in englischsprachigen Medien systematisch unterrepräsentiert sind).

Das Ergebnis ist eine Einordnung in eine von drei Kategorien:

Die LLMs in der Debate sehen diesen Kontext — sie entscheiden selbst was sie damit anfangen. Verdiq zwingt keine Interpretation auf.

Was Verdiq nicht tut

Sentiment überschreibt den quantitativen Score nicht. Eine Aktie die den Quant-Screen nicht besteht, kommt auch mit noch so nischigem Insider-Sentiment nicht in die Debate.

Und die Mismatch-Klassifikation — ob Bearisches Sentiment bei guten KPIs ein Displacement-Setup ist — geht ausschließlich in die Datenbank, nicht in den Prompt. Die LLMs sollen die Rohdaten sehen und urteilen, nicht eine vorformulierte Interpretation lesen.

Das verhindert Anchoring: Das System zeigt Fakten, keine Schlussfolgerungen.


Quellen: Baker, M. & Wurgler, J. (2006): Investor Sentiment and the Cross-Section of Stock Returns. Journal of Finance 61(4) — Sentiment beeinflusst systematisch Renditen schwer bewertbarer Aktien, aber nicht als zuverlässiges direktionales Signal nutzbar. — Brown, G.W. & Cliff, M.T. (2004): Investor Sentiment and the Near-Term Stock Market. Journal of Empirical Finance 11(1) — zeigt, dass Sentiment-Messungen kurzfristig keine stabilen Überrenditen generieren. — Buffett, W. (1986): Berkshire Hathaway Shareholder Letter — die Umkehrlogik als Investmentprinzip.